Arbeitsweltuntersuchung

Interview der Forschungsgruppe für Arbeitsweltuntersuchungen mit Andreas, ehemaligem und jetzt wieder stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden des Kino Babylon Mitte über seine (inzwischen zurückgenommene) Kündigung
Interviewer: Frank Auerbach

Frank: Ihr habt einen Betriebsrat mit 3 Mitgliedern gewählt, Ende November. Was geschah dann?
Andreas: Mir wurde kurz danach gekündigt, d.h. mein befristeter Vertrag nicht verlängert.
Frank: Kam das für Dich überraschend?
Andreas: Absolut. Ich hatte erst gerüchteweise davon gehört, konnte und wollte es aber nicht glauben. Als ich dann das offizielle Schreiben erhielt, war das ein Schlag in die Magengrube für mich. Wir hatten den Betriebsrat schließlich installiert, um gemeinsam mit der Geschäftsführung und allen Mitarbeitern Arbeitsbedingungen und Atmosphäre zu verbessern. Und dann das – und anderes.
Frank: Was meinst Du damit?
Andreas: Fast zeitgleich wurde Betriebsratsmitglied Anne aus dem Servicebereich in den Keller versetzt. Sie wurde nicht mehr in den Dienstplan eingeteilt, man wolle „andere Aufgaben für sie finden“. Der Chef wurde mit Äußerungen gehört wie „ich will sie hier oben nicht mehr sehen“ und „ich kriege die hier raus, und wenn mich das 1000 Euro kostet“. Außerdem wurde sie gezielt mit sich widersprechenden Anweisungen z.B. über die Anfangszeit traktiert, damit sie zu spät kommt. In einer Woche erhielt sie 5 Abmahnungen. Ganz klar: sie sollte mürbe gemacht werden, bis sie von selber geht.
Frank: Siehst Du einen klaren Zusammenhang zwischen der Wahl des BR und den Maßnahmen der Geschäftsführung?
Andreas: Na logisch. Das muß denen doch klar sein, daß Leute, denen die Belegschaft das Vertrauen ausgesprochen hat, damit sie sich bei denen oben für die Belange derer unten einsetzen, nicht so behandelt werden können. Normalerweise haben Betriebsräte einen besonderen Kündigungsschutz. Und einer der wichtigsten Paragraphen im Betriebsverfassungsgesetz ist das Gebot der vertrauensvollen Zusammenarbeit. Na wenn die so anfängt…
Frank: Was hast Du dann gemacht?
Andreas: Einen Termin mit dem Chef, Timothy Grossman. Ich hatte noch die Hoffnung, das so klären zu können. War Quatsch. Er meinte, es gäbe keine Gründe für die Nichtverlängerung, nur so. Er habe das Gefühl, er könne mir nicht mehr absolut vertrauen. Gleichzeitig bot er mir aber an, ich könne weiter in seinem Freiluftkino arbeiten. Und er meinte, er sei zu nett und müsse jetzt mal durchgreifen. Das war fast schon lustig in seiner Absurdität. Dann ging ich zu einem Anwalt für Arbeitsrecht, der eine Entfristungsklage aufsetzte, reine Routine. Als sie davon Wind kriegten, versuchten sie mich kurz vor Weihnachten wegen einer Auseinandersetzung mit einem Festivaldirektor fristlos zu kündigen. Da haben sie aber die Klagefristen vergeigt, weil sowohl der Chef als auch seine Anwältin in den Urlaub fuhren.
Frank: Du bist doch schon länger im Babylon, fast 2 Jahre. Warum hattest Du einen befristeten Vertrag?
Andreas: Den habe ich mir andrehen lassen, aus Unkenntnis. Ich war unbefristet angestellt, ohne Vertrag, also mit einem mündlichen. Dann meinten sie, ein schriftlicher Vertrag sei doch besser und haben mich einen befristeten rückdatiert unterschreiben lassen. Das war unhaltbar. Wir waren unglaublich naiv. Fast keiner im Babylon wußte, daß jeder Arbeitnehmer Anspruch auf bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall hat.
Frank: Selber schuld. Das kommt davon, wenn man seine Arbeit nicht ernst nimmt, weil man glaubt, da kommt noch was ganz anderes, die leuchtende Zukunft, und nicht einsehen will, daß da vielleicht nichts mehr kommt und daß das die Realität ist, was man gerade macht.
Andreas: Du hast ja recht. Aber die haben uns auch gezielt getäuscht. Es gibt ja die Nachweispflicht des Arbeitgebers, daß er dir innerhalb von einem Monat einen Vertrag geben muß, in dem auch steht, wieviel Urlaub du hast. Gabs bei uns nicht. Und in mindestens zwei Fällen wurde kranken Mitarbeitern gesagt: Geld von uns gibt’s dafür nicht. Ich frage mich manchmal, ob die wirklich solche Zyniker sind oder ihre Lügen selber glauben. Jetzt heißt es nämlich: „Die rechtlichen Standards galten bei uns schon immer!“. Aber sie machen auch Fehler. Als T. Grossman einmal verzweifelt für den nächsten Morgen einen Vorführer brauchte und keiner konnte, sagte er zu einem Vorführer, er könne auch mehr dafür zahlen und es gebe doch auch „ab jetzt“ bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung bei Krankheit.
Frank: Wie ist Deine Sache ausgegangen?
Andreas: Am 26.01. gab es einen Gütetermin. Die Anwältin von Herrn Grossman ließ meinen Anwalt wissen, ich könne es mir aussuchen: weiterarbeiten oder 3000 Euro Abfindung. Schwere Entscheidung. Wieder in die Schlangengrube und weiterkämpfen und weitermalochen für Niedriglohn, aber kaum kündbar? Oder erstmal durchatmen und mit Geldpolster im Rücken was Besseres suchen? Im letzten Moment fiel ihnen ein, daß sie Geld sparen könnten, weil ich ja auf Entfristung, also weiterarbeiten geklagt hatte, nicht auf Entschädigung. Sie ließen mich also wissen, sie hätten einen Fehler gemacht und wollten mich wieder zurück. So kams dann auch. Ich bin nach wie vor ohne Vertrag unbefristet angestellt und bekomme den Januar, in dem ich nicht gearbeitet habe, normal unterbezahlt bezahlt.
Frank: Hast Du Deine Entscheidung bereut?
Andreas: Klar, gleich am ersten Tag. Da gabs eine Sitzung von Betriebsrat und Geschäftsführung, in der sie uns rhetorisch überlegen auseinandergenommen, abgeohrfeigt haben, vor allem wegen unserer Pressemitteilung. Sie warfen uns in absurder Verkehrung der Tatsachen vor, wir hätten die Konfrontation begonnen. Das war schon finster. Hinterher aber fiel uns ein: Mensch, wir haben doch was erreicht. Annes Versetzung mußte zurückgenommen werden, meine Kündigung auch, die rechtlichen Urlaubs- und Krankheitsstandards müssen „ab jetzt“ eingehalten werden. Das ist doch was.
Frank: Wie geht’s jetzt für euch weiter?
Andreas: Wir müssen professioneller werden. Wir hatten kaum Zeit, uns in die Betriebsratsmaterie einzuarbeiten, die Ereignisse kamen Schlag auf Schlag, wir konnten immer nur reagieren. Leider haben wir uns manchmal wegen Unprofessionalität blamiert. Das wird anders. Wir müssen uns weiter den Respekt und die Achtung sowohl von Geschäftsleitung als auch Belegschaft erarbeiten. Und endlich mal unsere eigentliche Arbeit machen: als Interessenvermittler für geregelte Verhältnisse hier sorgen. Wir lieben nämlich dieses Kino. Es ist neben dem International und dem Krokodil das schönste Berlins, das Programm ist unglaublich gut, fast jeden Tag sind interessante Veranstaltungen (lustigerweise oft aus dem linken Spektrum), oft herrscht auch eine entspannte Atmosphäre, es gibt auch Freiheiten, die es woanders nicht gibt. Wir haben aber keine Lust mehr auf Willkür.
Frank: Andreas, ich danke Dir für dieses Gespräch.
Andreas: Gern geschehen!


5 Antworten auf “Arbeitsweltuntersuchung”


  1. 1 machnow 05. Februar 2009 um 20:34 Uhr

    Ich finde echt super, wie ihr euch bisher geschlagen habt. Eure Belegschaft kann echt stolz auf euch sein! Die Öffentlichkeitsarbeit scheint zu fruchten und die Chefe müßen euch ernst nehmen.

    Zur Berlinale könntet ihr noch ein wenig Druck aufbauen, indem ihr einfach einen kleinen Flyer macht & Forderungen formuliert. Die Besucherbetreuung im DTMB hat es zu ihren kämpferischen Zeiten auch gemacht und bei den (beiden) Kundgebungen verteilt, übrigens zusammen mit Kopien von Eintragungen aus dem Gästebuch, die die Erhaltung der Besucherbetreuung forderten.

    Bei euch wäre diese Art der Aufmerksamkeit sogar einfacher zu bewerkstelligen, weil es ja ’ne Menge sozial interessiertes Publikum gibt (das auch noch gute Kontakte zu Medien hat ;-) ).

    Viel Glück weiterhin!

  1. 1 Prekarisiert, engagiert & informiert! « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 08. Februar 2009 um 10:11 Uhr
  2. 2 Endlich gute Nachrichten! « prekba - prekäres babylon Pingback am 27. Februar 2009 um 16:28 Uhr
  3. 3 Verlierer! « prekba &#8211 prekäres babylon Pingback am 12. März 2009 um 13:59 Uhr
  4. 4 Unbefristeter Arbeitskampf im Kino Babylon [Berlin] : LIBELLE Pingback am 13. Juli 2009 um 10:56 Uhr
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