Mess with the best

In dieser Woche hat ver.di-Landesvize Köhn tatsächlich seinen Mitgliedern im Babylon Mitte einen Tarifvertragsentwurf vorgelegt. Er soll also wohl alles auf eine Eins-zu-Eins-Übernahme des ver.di-Flächentarifvertrages hinauslaufen. Die FAU Berlin hält dies selbstredend nicht für ausreichend, ist die Belegschaft doch mit viel weitergehenderen und innovativeren Forderungen angetreten, die alle in den Tarifvertragsentwurf der FAU Berlin eingeflossen sind. Vor allem berücksichtigt ver.di nicht die spezifischen Probleme im Hause Babylon.
Ein Vergleich der beiden Tarifverträge ist äußerst vielsagend. In der hier zu findenden Tabelle sind zahlreiche Punkte der beiden Entwürfe gegenüber gestellt. Möge sich jede/r selbst ein Bild machen. Ein paar Punkte verdienen eine besondere Beachtung und sollen hier kurz erläutert werden:

a) Löhne: ver.di geht schon mit dem Minimum in die Verhandlung und versucht gar nicht erst, mehr zu erwirken. Böse Zungen könnten behaupten, Köhn wäre auch noch unter diese Löhne heruntergegangen, wenn es ihm nicht untersagt wäre, unterhalb des Flächentarifs abzuschließen. Die FAU Berlin zumindest fordert höhere Löhne im Babylon, ist dieses doch nach wie vor das am massivsten subventionierte Kino in Berlin (man munkelt zudem, dass der Senat noch mehr locker machen wird aufgrund des Arbeitskampfes!). Wenn es hier keine ansehnliche Löhne geben soll, wo dann? Für eine eventuelle Misswirtschaft der Geschäftsführung haben zumindest nicht die Beschäftigten zu verzichten!
b) Vergütungsgruppen: Der Entwurf der FAU versucht, das Lohngefälle zwischen den Berufsgruppen zu vermindern (nur noch ca. 19%) und setzt KassiererInnen und EinlasserInnen sogar gleich. Damit sollen mehr Einkommensgerechtigkeit geschaffen und Belegschaftsspaltungen gemindert werden. Der ver.di-Vertrag belässt alles beim alten (ca. 28% Lohngefälle). Auch fordert die FAU, nicht wie ver.di, einen einheitlichen Lohn innerhalb der Berufsgruppen, unabhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit, um den Arbeitsgeber nicht zu animieren, sich von länger Beschäftigten zu „trennen“.
c) Zuschläge: Die FAU fordert höhere und weitere Zuschläge, die speziell mit den Belastungen im Kinobetrieb zu tun haben. Kleidergeld soll für alle gezahlt werden.
d) Benachteiligung: Die FAU Berlin spricht sich gegen jegliche Benachteiligung von Beschäftigten aus, die nach der Vertragsunterzeichnung eingestellt wurden. Im ver.di-Entwurf findet sich tätsächlich eine solche Benachteiligung (z.B. im Bezug auf Taxikostenerstattung). Auch eine Benachteiligung von nicht-verheirateten Personen hält die FAU im Ggstz. zu ver.di für nicht akzeptabel (siehe Arbeitsversäumnis bei Niederkunft).
e) Kündigungsfristen: Hier geht es der FAU Berlin v.a. darum, die Rechte von betriebsneuen ArbeiterInnen zu stärken. Eine lange Betriebszugehörigkeit ist in dieser Branche ohnehin selten. Insbesondere ist die Babylon-Geschäftsführung für eine rigorose Personalpolitik bekannt. Verbesserte Kündigungsfristen und kürzere Probezeiten sind eine notwendige Antwort auf den willkürlichen Führungsstil, dem schon einige zum Opfer gefallen sind. Ver.di scheint davon noch nichts gehört zu haben.
f) Praktika: Die Ausbeutung von PraktikanntInnen ist geradezu epidemisch und wird von den Gewerkschaften viel bejammert, werden damit doch auch viele reguläre Jobs verdrängt. Dabei ist die Lösung doch so einfach: Tarifverträge, die diesen Methoden einen Riegel vorschieben. Die FAU Berlin besteht deshalb auf Ausbildungsplänen von Praktika, damit diese gesetzeskonform ablaufen, und einer Regelung der Tätigkeiten, damit keine regulären Jobs verdrängt werden. Auch das Vergütungsmodell ist innovativ. Ver.di ignoriert dieses Problem und das obwohl auch das Babylon im Verdacht steht, Schindluder mit PraktikantInnen zu treiben.
g) Wochenarbeitszeit: Hier fordert die FAU Berlin selbstredend die längst überfällig 35-Stunden-Woche. Ver.di bleibt bei der in Ungnade gefallenen Rückennummer von 38.
h) Ausgliederung/Outsourcing: …wurde aus dem alleinigen Grund erfunden, organisierte ArbeiterInnen auszutricksen und zu schwächen, wie man ja auch schön in diesem Arbeitskampf sehen konnte. Solche Maßnahmen sind vollkommen indiskutabel und sind von vorneherein zu unterbinden. Ver.di scheint das nicht so zu sehen, obwohl auch ihre Kampfkraft in vielen Bereichen (z.B. bei der Telekom) durch derartige Maßnahmen stark aufgeweicht wurde. Man müsste es eigentlich besser wissen.
i) Schutz: Gewerkschaftliche Solidarität wird bei der FAU groß geschrieben (sie würde wohlgemerkt auch nie einen Arbeitskampf unterlaufen). Deshalb hat eine Schutzklausel für alle Gewerkschaftsmitglieder zu gelten und nicht nur die von ver.di. Und dies insbesondere, weil es nicht gerade die ver.di-Mitglieder waren, die diesen Arbeitskampf ausgefochten, den Tarifvertrag erkämpft haben und mit Repressionen rechnen müssen.

Alles in allem punktet die FAU Berlin auf allen Ebenen. Die ver.di-Tarifspielweise scheint geradezu veraltet und einfallslos. Lediglich der spielfreie Heilig Abend (in punkto arbeitsfreie Zeit) kann als Ehrentreffer für ver.di gewertet werden. Die FAU Berlin wird nun alles daran setzen, ver.di etwas Dampf zu machen, damit alle Beteiligten von den Skills der Tarifmeisterin der Herzen bestmöglich profitieren mögen ;-)