Archiv für November 2009

Antonio Negri in Berlin

Nachdem die Ver-Führung von Wirtschaftsführungskräften im Hotel Adlon („die ganze neoliberale Kackscheiße“) am vergangenen Freitag mehr oder weniger erfolgreich scheiterte, verabschiedete (Post-)Operaist Antonio Negri in Kreuzberg Mr. Socialism und viele Gäste waren gekommen um zu begrüssen, was nach dem Abgang des alten Herrn Sozialismus kommen mag. So einfach machte es ihnen Toni Negri aber nicht und orientierungslose Verdianer mussten konkret nachfragen, welche Rolle die neu zu gestaltenden Gewerkschaften im Empire spielen. Wer Negris Antwort verstanden hat möge dies hier posten. Deutlicher kommentierte Negri die Rolle von gewerkschaftlicher Organisierung und Lohnforderung aber schon früher am Abend in einer Fussnote:

In Klammern from michael weber on Vimeo.

Der gesamte Mitschnitt der Veranstaltung von Edition Tiamat erscheint demnächst bei Freundeskreis Videoclips (derzeit auch auf dem One World Film Festival im Arsenal vertreten).
Wer nicht warten mag sehe sich die Veranstaltung der RL-Stiftung vom folgenden Samstag an oder lese besser noch Freitag.

Boykottaufruf durch ver.di

Verdi ruft zum Konsumboykott auf, um überforderte DienstleisterInnen zu entlasten. Schön, daß dieses Mittel der direkten Aktion nicht nur von der FAU genutzt wird. Schade, daß die Angestellten des Babylon nicht davon profitieren dürfen, denn die FAU musste auch auf juristischen Druck hin ihren Boykottaufruf zurückziehen. Andreas Köhn kommentierte den Babylon-Boykott im Sprachrohr (auf S. 11), dessen Chefredakteur der Befragte zugleich ist, so:

Das ist nicht unser Stil. Wenn wir – wie im Falle Lidl – zu Boykotten aufrufen, verbinden wir dies mit Arbeitskämpfen, etwa mit einem Warnstreik.

Im derzeit von Verdi ausgerufenen Konsumboykott ist von Arbeitskampf keine Rede. Der FAU hingegen wurde der Boykott gerade als Mittel des Arbeitskampfes untersagt. Nicht die einzige „Unstimmigkeit“, die sich Köhn in seiner Hauspostille leistet. So behauptet er, die flugblattverteilenden Kollegen der FAU seien bezahlt und nicht solidarisch motivierte Gewerkschafter.

Seifenoper Babylon: Kabale und Spekulationen

Während die halbe Linke darauf wartet, dass die Wirtschaftskrise endlich auch mal die bundesdeutschen Lohnabhängigen zu Taten reizt, kämpfen seit Monaten Beschäftigte des Kinos Babylon Mitte in Berlin nicht nur für höhere Löhne und sichere Arbeitsverhältnisse, sondern auch für Würde, Mitbestimmung, ja sogar für Gewerkschaftsfreiheiten, die in Deutschland ganz offensichtlich rar sind. Hartnäckig bestehen Sie auf ihren Forderungen und darauf, nicht entmündigt zu werden, so dass sie mittlerweile nicht nur im Konflikt mit der Geschäftsführung, sondern auch mit ver.di stehen, die sich unter dubiosen Umständen eingeklinkt hat. Selten hat ein so kleiner Betriebskonflikt solche Wellen geschlagen, selten solche eine Hartnäckigkeit gezeigt. Um die endlich in den Griff zu bekommen, greifen die Opponenten zu allen Mitteln. Nun wird gar ein Gewerkschaftsverbot bemüht. Spätestens jetzt sollte klar sein: Babylon geht alle an!
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Fear, Uncertainty and Doubt

Bereits gestern erschien im ND ein lesenswerter Artikel zum Arbeitskampf im Babylon. Bedauernswert ist, dass ver.di-Chefunterhändler Andreas Köhn mit seiner FUD-Strategie – sprich einer gezielten, aber dennoch subtilen Desinformationspolitik – durchaus Erfolg zu haben scheint:

Weitere Versuche [einer Zusammenarbeit von FAU und ver.di] scheiterten nach Aussage von Köhn daran, dass sich »die FAU nicht an Absprachen gehalten hat.« Müßig herauszufinden, wer was wann gesagt oder unterlassen hat.

Leider entsteht so ein Bild, wonach die einen dieses und die anderen jenes behaupten würden. Beim Außenstehenden bleibt so hängen, dass die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte liegen wird. Nur: Die Vorwürfe der FAU und deren Betriebsgruppe sind deutlich und konkret, die Forderungen der Belegschaft und der ver.di-Betriebsgruppe sind es auch. Es wäre interessant zu erfahren, auf welche nicht eingehaltenen Absprachen der FAU sich Herr Köhn bezieht, um sich über das einstimmige Votum der Betriebsversammlung (letzter Absatz) hinwegzusetzen?!

„Das ist eine Arbeitsanweisung“

Wenn Manager ihre Anweisungen erst ausdrücklich als solche kennzeichnen müssen um ihnen Gewicht zu verleihen, können sie mit Respekt und Vertrauen ihrer Untergebenen schon lange nicht mehr rechnen. So wohl auch ver.di-Bezirksvize Andreas Köhn, der die ver.di-interne Anweisung erlassen hat, mit dem Anwalt des Betriebsrats des Babylon in keiner Weise mehr zusammenzuarbeiten. Mehr noch, nicht einmal „in sonstiger Form ins Gespräch bringen“ darf man bei ver.di die Kanzlei, in der der Babylon-Betriebsrat (darin vertreten ist auch die Minderheitsgewerkschaft ver.di) kurz zuvor noch geschult wurde. Jahrelang soll der Anwalt auch in ver.di-Veranstaltungen Gewerkschafter beraten haben. Damit ist nun Schluss. Wenige Tage zuvor sollen die Babylon Geschäftsführer Grossman und Hackel dem Betriebsrat deutlich gesagt haben, dieser habe sich den falschen Anwalt ausgesucht.
Schon im September hatte der Betriebsrat Köhns Agieren als unkollegial und verantwortungslos kritisiert.