Schafft zwei, drei, viele Babylons

Seit dieser Woche ist es amtlich: der Berliner Senat wird 30.000 Euro mehr für das Babylon bereitstellen – zweckgebunden für Lohnerhöhungen. Geht man nach den Darstellungen des ver.di-Verhandlungsführers Andreas Köhn, dann sind diese Erhöhungen folgendermaßen zustande gekommen: es gab keinen Arbeitskampf im Babylon, nur ein paar bezahlte Flugblattverteiler der Basis*** FAU Berlin, die auf die Situation aufmerksam gemacht und einen stillosen Boykott durchgeführt hat; irgendwann wurde ver.di von einem Mitglied im Betrieb angerufen; Landesbezirksvize Köhn hat sich dann, weil es sich beim Babylon wohl um einen so wichtigen Produktionsfaktor in Berlin handelt, zum Retter und die ganze Angelegenheit zur „Chefsache“ erklärt; die Babylon-Bosse konnten es gar nicht abwarten, endlich mal die Bedingungen für ihre MitarbeiterInnen zu verbessern und stimmten prompt Verhandlungen zu (leider ging das ja vorher nicht, weil sie ja keine „richtige“ Gewerkschaft zum Verhandeln gehabt haben); und weil der kühne Köhn ein Gewerkschafter ist, vor dem alle politischen Riegen erzittern, schwang er gleich nochmals seinen Zauberstab, so dass der Senat 30.000 Euro mehr zur Verfügung stellte. So einfach ist das anscheinend.

Da könnte man doch allen ArbeiterInnen nur raten: Rufet schnell Herrn Köhn herbei, der wird es richten! Ein paar fleißige Worte und Arbeitgeber kommen genauso wie Politiker schnell zur Einsicht. Nur seltsam: gleichzeitig zu diesem Geschehen ruft ver.di Berlin zu Protesten gegen den Berliner Kürzungshaushalt auf, von dem viele v.a. im Kultur- und Bildungsbereich betroffen sind. Und das, obwohl sogar ver.di in diesem Bereich zuletzt sogar mit Arbeitskampfmaßnahmen aktiv war. Warum schwingen ver.di-Funktionäre nicht auch hier einfach ihren Zauberstab?

Oder mag es etwa sein, dass die Veränderungen im Babylon doch etwas mit einem Arbeitskampf von Beschäftigten, den Aktivitäten der Basis*** FAU, ihrem betrieblichen, öffentlichen und politischen Druck zu tun haben? Ist es wagemutige Spekulation, hier einen Zusammenhang zu sehen?

Fassen wir nochmals anders zusammen: die Babylon-Betriebsgruppe der FAU Berlin startet einen Arbeitskampf, die für einen so kleinen Betrieb eine äußerst untypisch große Furore erzeugt: Leute mit der seltsamen Bezeichnung „Anarchosyndikalisten“ im Arbeitskampf, weitergehende und innovative Forderungen, untypische Arbeitskampfmaßnahmen usw. Der Arbeitgeber beklagt sich über einen funktionierenden Boykott, PolitikerInnen sehen sich gezwungen, sich in einem Tarifkonflikt einzumischen, ver.di erscheint aus dem Nichts auf der Bildfläche und die Bosse freuen sich. Dann, immer noch keine Ruhe im Karton, beginnen juristische Schläge gegen die FAU Berlin, bis hin zum neuerlichen Gewerkschaftsverbot. Gleichzeitig macht auch ver.di zunehmend deutlich, dass sie die FAU Berlin als Konkurrenz begreifen. Das Ende vom Lied: 30.000 Euro mehr durch den Senat, der die Betriebspolitik im Babylon nur schwer rechtfertigen kann, eine ver.di, welche einen massiven Imageschaden genommen hat und einen etwas dubiosen Tarifvertrag erklären muss und eine Geschäftsführung, die sich jetzt erst Recht eine Menge Unmut zuzieht. Das alles lässt man sich die Selbstlosigkeit kosten, die Arbeitsbedingungen verbessern zu wollen? Wohl eher ist das der Preis, den man zahlt, alternative Formen der Arbeiterbasisorganisierung klein zu halten.

Der Ratschlag kann also nicht lauten, ruft Köhn und seinen Zauberstab. Sondern: rein in die Basis*** FAU, schafft zwei, drei viele Babylons. Und ihr werdet sehen, wie schnell Politiker und Funktionäre springen können.


1 Antwort auf “Schafft zwei, drei, viele Babylons”


  1. 1 Update: Chronologie zum Konflikt im Kino Babylon « prekba – prekäres babylon Pingback am 19. Mai 2010 um 12:10 Uhr
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