Ver.di-Haustarif für das Babylon Mitte im Überblick

Es hat ein wenig gedauert, bis endlich klar war, ob und wie der Haustarifvertrag von ver.di im Babylon Mitte umgesetzt werden soll. Erinnern wir uns: Ver.di’s Chefunterhändler Andreas Köhn gab einst das Versprechen, nicht unter den eigenen Flächentarifvertrag zu gehen. Ob er Wort hielt, möge man selbst beurteilen. Hier nun ein paar Punkte, in welchen der Haustarif vom Flächentarifvertrag abweicht. Grundlegend sind es eben diese Abweichungen, die den eigentlichen Inhalt des Haustarifvertrages ausmachen.

  1. Der Tarif sollte angeblich für alle Beschäftigte und PraktikantInnen des Babylon gelten (letztere wird es nicht mehr geben, da sie ja nun bezahlt werden müssten). Die Geschäftsführung will aber erst Tariflöhne zahlen, wenn die Teilzeitler einen neuen, absurd schlechten Arbeitsvertrag unterschreiben (nur noch 10 Wochenstunden, trotzdem Nebentätigkeit nur mit Genehmigung; „entsprechende Anpassungen“ ohne Spezifizierung, mit denen man sich mit Unterschrift einverstanden erklärt etc.). Glücklicherweise weigern sich die meisten MitarbeiterInnen, das zu unterschreiben. Auf einen Eintritt bei ver.di, die Alternative, hat keiner Lust. D.h., der eigentlich zu geltende Tarifvertrag müsste auch jetzt noch erst erkämpft werden. Die Vollzeitler dagege kriegen nur einen Zusatz zu ihrem Vertrag, in dem steht, dass der Tarifvertrag Anwendung findet.
  2. Im Flächentarif gibt es die Abstufung nach Berufsjahren (das gab es im übrigens Haustarifentwurf der FAU nicht – gleicher Lohn für gleiche Arbeit –; dort war ein hohes Lohnniveau für alle anvisiert). Im Babylon wird nur die unterste Einstufung bezahlt. Für erfahrene Service-Mitarbeiter gäbe es z.B. nach Flächentarif 8,37 Euro, im Babylon aber nur 7,74. Für erfahrene Vorführer versprochen wurden 11,52 Euro, im Babylon 9,03. Zulagen für die Arbeit in mehreren Sälen entfallen. Das wären für Service-Leute 13 bis 17 Cent, für VorführerInnen 48 bis 61 Cent die Stunde mehr.
  3. Die tägliche Mindestarbeitszeit wurde von vier auf drei Stunden gesenkt, was die Einkommensmöglichkeiten beschneidet.
  4. In den Dienstplänen soll nicht das Ende der Schicht stehen, sondern „das voraussichtliche Ende“, was den Beschäftigen mehr Flexibilität abverlangt.
  5. Taxikosten-Vegütung bei Nachtarbeit entfällt, was besonders das Sicherheitsbedürfnis weiblicher KollegInnen untegräbt.
  6. Mehrarbeit wird nicht mit der anteiligen monatlichen Grundvergütung und einem Aufschlag von 25%, sondern nur mit einem pauschalen Aufschlag von 1,50 Euro pro Stunde bezahlt (Mehrarbeit ist das, was über 38 h pro Woche hinaus geht)
  7. Nachtarbeit wird nicht mit 50% Aufschlag nach 23 Uhr, sondern erst ab 24 Uhr und nur mit pauschalen 1,50 Euro Aufschlag vergütet
  8. Muss an eigentlich arbeitsfreien Tagen gearbeitet werden, wird nicht die anteilige monatliche Grundvergütung mit einem Aufschlag von 50% bezahlt, sondern nur ein Aufschlag von 0,50 Euro.
  9. Es dürfen nicht nur 10% der Angestelltenverhältnisse befristet sein, sondern 20 %.
  10. Der Punkt Arbeitnehmer-Haftung, die nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit greift, wird eindeutig nicht auf Kassendifferenzen angewandt. Dies entgegen der klaren Forderung der Babylonier, eine Mankogeldregelung in den Tarif aufzunehmen, weil dies immer wieder ein Problem der Beschäftigten darstellte.
  11. Löhne und Gehälter werden nicht bis spätestens dem 7. des Folgemonats gezahlt, sondern zum 10.
  12. Die Jahressonderleistung von 700,- Euro (für Teilzeitler anteilig) entfällt und soll im Oktober 2010 nur für ver.di-Mitglieder (momentan ganze zwei!) neu verhandelt werden.
  13. Eine Schiedskommission wird nicht eingerichtet.
  14. Die Löhne steigen bis Tarifsvertragsende, also bis 31.12.2010, gar nicht (im Flächentarif: um bis zu 0,14 Cent/h)
  15. Das Kleidergeld von 17,- Euro monatlich wird nicht gezahlt.
  16. Sonstige Zulagen (mehrere Säle, Filmabrechnung etc.) werden nicht gezahlt.
  17. PraktikantInnen sollen wie Auszubildende mit 519,- Euro/Monat bezahlt werden und keine der üblichen Service- oder Vorführtätigkeiten leisten. Konsequenz: keine PraktikantInnen.
  18. Die Kündigungsfrist umfasst drei Monate erstmals ab 31.12.2011.
  19. Fällt auch nur ein Teil der kommunalen Förderung für die Löhne weg, hat der Arbeitgeber ein Sonderkündigungsrecht von vier Wochen zum Monatsende. Dann hat der Haustarif noch nicht mal eine Nachwirkung! Beide Seiten „verpflichten“ sich, nur innerhalb der Kündigungsfrist neue Verhandlungen zu starten.

Insgesamt ein rundum arbeitgeberfreundlicher Tarifvertrag, vom sogenannten „Steuerzahler“ bezahlt, mit minimalen Verbesserungen für die Beschäftigten. 50 Cent statt 50 %. Zum Teil 50 % unter dem Flächentarif. Konkretes Beispiel: Einem erfahrenen Filmvorführer, der nach 23 Uhr zwei Projektionen betreut, stünden gemäß Verdi-Bundestarifvertrag ab Juli nächsten Jahres rund 18 Euro zu. Es sei denn er arbeitet im Babylon Mitte. Hier, im einzigen vom Berliner rot-roten Senat mitfinanzierten Kino, ist dieselbe Arbeit laut Verdi-Haustarifvertrag nur die Hälfte, gut 9 Euro wert.