kleine Siege

Ende Dezember (oder auch Anfang Januar, die Beteiligten waren sich da nicht so ganz einig…) unterschreiben Hackel und Grossman, Geschäftsführer des Babylon Mitte den von Verdi angebotenen Dumping-Tarifvertrag. Der Senat hat zuvor 30000 Euro zugesichert mit denen die Tarifkosten finanziert werden sollen. Der unterschriebene Vertrag gilt gemäß seinem Wortlaut für alle ArbeitnemerInnen der Babylon Berlin GmbH.

Am 21. Januar macht die Babylon Betriebsgruppe der FAU auf geradezu unverschämt schlechte Arbeitsverträge für die Teilzeitbeschäftigten aufmerksam, die die Geschäftsführer unter einem Vorwand durchdrücken wollen: ohne Unterschrift sollen den Teilzeitbeschäftigten angeblich keine Tariflöhne bezahlt werden. Die Teilzeitbeschäftigten hatten massgeblich den Arbeitskampf der FAU Berlin und deren Betriebsgruppe mitgetragen, der dem kopflosen Eingreifen des Verdi-Unterhändlers Köhn vorausgegangen war.
Die Vollzeitbeschäftigten waren nur schwer in diese Bemühungen einzubinden. Ihnen aber wurde der Tarifvertrag von der Geschäftsführung bedingungslos zugebilligt: zum Teil sehr deutliche Lohnzuwächse sollen hier zu verzeichnen sein, wird gemunkelt. Und das bei Positionen, die sich im Tarifvertrag überhaupt nicht wiederfinden.
Am anderen Ende des Lohnspektrums verschlechtern die vorgelegten Verträge die Situation der Teilzeitler so sehr, dass sich einige fragen, ob sie damit Verdi in die Arme getrieben werden sollen: eine dortige Mitgliedschaft würde auch ohne Unterschrift unter den neuen Arbeitsvertrag zum Tariflohn führen. Verdi hat sich durch den Billigtarifabschluss aber keine Freunde unter den Beschäftigten gemacht. Verhandlungsführer Köhn steht auch Verdi-intern unter Kritik und ein paar neue Mitgliedschaften im Babylon, wo Verdi mittlerweile nur noch ein bis zwei Mitglieder zählen soll, würden ihm sehr zugute kommen. Aber kein einziger der Teilzeitbeschäftigten denkt daran, Verdi auch noch für sein unsolidarisches Eingreifen mit Mitgliedsbeiträgen zu bezahlen. Eine Unterschrift unter die neuen Verträge kommt aber auch für keinen Betroffenen in Frage. Diese gemeinsame Ablehnung wird auf einem Treffen der Teilzeitbeschäftigten deutlich, daß auf Initiative der FAU Betriebsgruppe stattfindet. Die einvernehmliche Weigerung, mit der Unterzeichnung der neuen Arbeitsverträge die eigene Arbeitssituation weiter zu verschlechtern macht der Betriebsrat öffentlich:
Am 28. Januar verleiht der BR der Kritik der FAU Betriebsgruppe Nachdruck durch eine Pressemitteilung.

Am 29. und 30. Januar machen weltweit Gewerkschaften auf die babylonischen Zustände in Berlin aufmerksam. In Bangladesh und Neuseeland, USA, Japan, Kanada und Europa protestieren Menschen gegen das von der Babylon-Geschäftsführung angestrengte de Facto Gewerkschaftsverbot gegen die FAU Berlin.

Am 1. Februar kündigt der Betriebsrat gegenüber der Geschäftsführung rechtliche Schritte wegen der ungleichen Tarifumsetzung an. Noch am gleichen Abend werden ausgesuchte Teilzeitbeschäftigten von Timothy Grossman darüber in Kenntnis gesetzt, dass der Tarifvertrag nun auch für sie Anwendung findet. Tag für Tag kommen einzelne Angestellte hinzu. Eine Information an alle unterbleibt.
Ob Köhn die Herren Geschäftsführer Grossman und Hackel mit Verweis auf seine kapfeslustige Basis von ein oder auch zwei Mitgliedern dazu brachte, den Tarifvertrag neben den Vollzeitbeschäftigten auch anderen nicht-Verdimitgliedern anzurechnen, darf bezweifelt werden. Ob die Senatslinke die Finger im Spiel hat ist unklar, sie hatte immer wieder Beteuerungen gestreut sich lieber doch nicht in Tarifkonflikte einzumischen.

Fest steht, daß sich die Teilzeitbeschäftigten nicht wie geplant aufspalten ließen. Diese unter prekär Beschäftigten nicht ganz selbstverständliche, schon früher bewiesene Geschlossenheit lässt erahnen, wie dringend Grossman und Hackel mit Köhn im Babylon einen Dumpingtarif abschliessen mussten, um einem echten, erkämpften Tarifvertrag zuvorzukommen.

Am 4. Februar endet die Frist des Betriebsrats zur Bestätigung der Anwendung des Tarifvertrags auf alle Beschäftigten.


3 Antworten auf “kleine Siege”


  1. 1 ivo 23. Februar 2010 um 10:50 Uhr

    Also „kopflos“ war das Eingreifen von Andreas Köhn ganz gewiss nicht. Wenn es um Streiks geht, die gegen Genossen und marxistische Kampfgefährten von ihm gerichtet sind, wie auch schon 1997 beim Streik der „Junge-Welt“-Belegschaft (die spätere „Jungle-World“-Crew), betätigt er sich nur zu gerne und ganz gezielt als Saboteur.

    …“Am 22. Mai (1997) wird bekannt, dass Andreas Köhn, der stellvertretende Landesvorsitzende der IG Medien, statt sich auf die Seite der Streikenden zu stellen, versucht, innerhalb der Redaktion Streikbrecher für Koschmieder anzuwerben. Ein entsprechender Rekrutierungsversuch wird auf einem Anrufbeantworter aufgezeichnet.“
    http://jungle-world.com/artikel/2007/26/19892.html

  1. 1 Verbot einer Gewerkschaft in Berlin « Ritinardo Pingback am 04. Februar 2010 um 13:37 Uhr
  2. 2 Strafbefehl gegen Gewerkschafter_innen « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 06. Februar 2010 um 12:43 Uhr
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