Tout va bien

„Die Kamera in der Fabrik“ ist der Titel einer Veranstaltung mit Pascal Jurt am heutigen Donnerstag, 20 Uhr im „Club für sich“ im Projektraum Friedelstrasse 54:

Gültige Aussagen über (politische) Film lassen sich nicht machen. Nur über das, was aus Film geworden ist. Darum wird an diesem Abend über die Kamera in der Fabrik neben den Bildern die Untersuchung der Rezeptionsprozesse im Vordergrund stehen.

zum Einladungstext:
Harun Farocki weist in seinem Filmessay “Die Arbeiter verlassen die Fabrik” von 1995 darauf hin, dass der Arbeits- oder Arbeiterfilm kein Hauptgenre geworden sei. Obwohl die Geschichte des Kinos mit dem Verlassen der Arbeiter der Fabrik – im zweiten Lichtspiel der Brüder Lumière – beginnt, sei der Platz vor und in der Fabrik ein Nebenschauplatz geblieben. Die meisten Erzählfilme spielten in dem Teil des Lebens, der die Arbeit hinter sich gelassen hat.
Im Jahr der Revolte, 1968, als nicht nur in Frankreich im Kontext von Arbeitskonflikten und wilden Streiks die Arbeiter_innen aktiv geworden waren und selbst das Wort ergriffen hatten, stellte sich auch für den Film die Frage, inwiefern man als Filmemacher_in Arbeiter_innen zu Wort kommen lassen und inwiefern man die Erfahrungen der Arbeiter_innen und deren Arbeitsalltag als formale Fragen selbst auch im Film thematisieren kann.

Jean-Luc Godard stellte fest, dass er nicht wisse, wie der Arbeiter arbeite. Als Konsequenz ging er als Journalist und gauchistischer Militanter in die Fabrik, von wo aus er für verschiedene linksradikale Zeitschriften wie “J’accuse” berichtete. 1972 drehte er zusammen mit Jean-Pierre Gorin und internationalen Stars im 35mm-Kinoformat den Film “Tout va bien”, in dem eine amerikanische Journalistin (Jane Fonda) und ein Nouvelle-Vague-Filmemacher (Yves Montand) in einen Streik in einer Wurstfabrik geraten. Damit reagierten sie auf den im selben Jahr fertig gestellten Film “Coup pour Coup” von Marin Karmitz, in dem die Geschichte eines spontanen Streiks in einer Textilfabrik im Norden Frankreichs erzählt wird. Karmitz’ Kollektivarbeit mit den Arbeiter_innen, die sich hier als Laienschauspieler_innen quasi selbst verkörpern, thematisierte das soziale Gefälle zwischen denen, die filmen, und denjenigen, die gefilmt werden.

Nicht nur die symbolische Ordnung, die Kommandostruktur der Fabrik, das Repräsentations-Modell der KP und der Gewerkschaften wurde in Frage gestellt, sondern auch der Kampf um die Kamera. Beide Filme lösten hitzige Debatten aus um ästhetische und politische Linke, um die Wirksamkeit von Künstler- und Sozialkritik, das Ende des Aufbruchs des Gauchismus/Linksradikalismus (Alain Badiou, “La fin d’un commencement”) und um die Frage, wie Kunst kritisch wirksam sein und politisch werden kann. Die “Cahiers du cinéma “ veröffentlichten 1972 zwei Ausgaben zu “Klassenkämpfen”, in denen es um die Darstellbarkeit von Arbeit und den solidarischen Blick zur Arbeiterklasse gehen sollte. Positionierungskämpfe zwischen spezifischen und allgemeinen Intellektuellen brachen auf. Die Frage nach militanter Kunst wurde neu verhandelt.

Ausschnitte aus beiden Filmen werden gescreent und diese rahmenden Diskurse aufgegriffen. Entscheidend ist, dass nicht nur die immanente Analyse, die sich auf formale Strukturen von Film konzentriert, im Vordergrund stehen soll, sondern vielmehr, dass Fragen der Produktion und Rezeption der Filme miteinbezogen werden. Gültige Aussagen über (politische) Film lassen sich nicht machen. Nur über das, was aus Film geworden ist. Darum wird an diesem Abend über die Kamera in der Fabrik neben den Bildern die Untersuchung der Rezeptionsprozesse im Vordergrund stehen.

Pascal Jurt, Soziologe, forscht derzeit an der Akademie der Bildenden Künste (Wien) zu Streik, Selbstorganisation und Autonomie im Film.