Im Spruchwege zustande gekommen: Die 10.000 Euro Vereinbarung

Eigentlich sollte man denken, daß die Dienstplanerstellung in einem kleinen prekären Kulturbetrieb kein großes Problem sein sollte. Alle reichen ihre Wünsche ein, der Dienstplan wird erstellt. Und wenn jemand doch nicht kann, weil er z.B. noch ein Studium oder einen bis drei andere prekäre Jobs hat, wird einfach getauscht. Bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es nur für Festangestellte und die oft unverhältnismäßig wasserköpfige Teppichetage – was die Dienstplanung erleichtert. Will man jemanden loswerden, wird er wenig bis gar nicht eingeteilt.
So ähnlich war es auch im Babylon, bis die Beschäftigten sich gewerkschaftlich organisierten, zuvor noch einen Betriebsrat gründeten, und im Laufe der Zeit auch dessen Instrumente kennen lernten:
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlter Urlaub wurden erstritten, auch bei Einstellung, Versetzung, Kündigung und eben auch bei der Dienstplanung konnte jetzt mitbestimmt werden. Diese Mitbestimmung jedoch war ein harter Kampf gegen massiven Widerstand von Seiten der Geschäftsführung, auch persönlich hatten Gewerkschafter und Betriebsräte unter Repressionen zu leiden.
Die Dienstplanung aber blieb chaotisch. Mitarbeiter wurden oft gerade dann eingeteilt, wenn sie ausdrücklich nicht konnten, manche wurden viel zu selten eingeteilt, oft wurden die Pläne zu spät oder gar nicht verschickt. Fast jedem Dienstplan widersprach der Betriebsrat aus guten Gründen. Die ungültigen Pläne wurden dann trotzdem umgesetzt.
Wenn sich Betriebsrat und Geschäftsleitung wie im Babylon bei der Dienstplangestaltung partout nicht einigen können, sieht das Betriebsverfassungsgesetz sogenannte Einigungsstellen vor, die von beiden Seiten veranlasst werden können. Den Einigungsstellen steht ein ehemaliger Richter vor, beide Parteien bestellen sich Anwälte oder Gewerkschafter als Beisitzende. Durch deren festgelegte Honorare sind Einigungsstellen für einen kleinen Betrieb wie das Babylon außerordentlich kostspielig; fünfstellige Summen kommen schon bei wenigen Terminen schnell zusammen. Vernünftige Betriebsführungen versuchen daher, Einigungstellen aus dem Weg zu gehen um deren Kosten zu vermeiden. Im Babylon, dem mit jährlich 350.000 Euro vom Senat bezuschussten Kino, besteht offenbar kein Sparzwang, wenn es um juristische Auseinandersetzungen mit den Beschäftigten und deren Organen geht. Eine eigentlich banale Angelegenheit wie die Regularien zur Dienstplanerstellung beschäftigte über Tage hinweg Richter und Anwälte.
Die Geschäftsleitung, vielleicht nicht ganz optimal beraten durch einen Professor der Bundespolizeiakademie, wollte offenbar nicht einsehen wie selbstverständlich die Forderungen des Betriebsrats sind. Der Betriebsrat war gut beraten durch den Anwalt, der der schon das von den Babylon-Geschäftsführern angestrengte faktische Gewerkschaftsverbot gegen die FAU Berlin in zweiter Instanz ausräumte.
Einigungstellen sind nicht öffentlich, der Betriebsrat aber zur Information aller Kolleginnen und Kollegen verpflichtet. Daher kann hier nur vom Hörensagen berichtet werden, dass Geschäftsführer Grossman (der andere Geschäftsführer Hackel ließ sich offenbar von Theaterleiter Mikat vertreten) und sein beisitzender Professor bis zum Ende stur blieben und jeden Einigungsvorschlag abgewiesen haben sollen.
Die unten angehängte Vereinbarung kam so auf dem Spruchwege zustande. Betriebsrat und Richter mussten sich über den Geschäftsführer hinwegsetzen. Mit einem kleinen bisschen Gesprächsbereitschaft hätte Grossman dem Babylon Kosten von vermutlich weit mehr als 10.000 Euro ersparen können. Geld, das Senat, Beschäftigte und Gäste des Kinos sicher lieber für ein Gutes Programm und gute Arbeitsbedingungen investiert gesehen hätten.

Hier das kostbare Dokument im Wortlaut:

BV Dienstplaene


7 Antworten auf “Im Spruchwege zustande gekommen: Die 10.000 Euro Vereinbarung”


  1. 1 Barbara Wunsdorf 23. Juli 2010 um 12:22 Uhr

    Irgendwie ist das extrem lustig, dass der Vorsitzende der Einungsstelle mit dem Namen „Rache“ unterzeichnet. Gut gemacht! Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Geschäftsführer die 10.000 EUR vom eigenen Gehalt abziehen, statt die Mitarbeiter zu belasten… Solidarische Grüße an die Belegschaft!

  2. 2 maike 23. Juli 2010 um 13:11 Uhr

    Kapitalismus stinkt!!! Beim Stummfilmfestival gab es keinen Film unter 10,- euro.. Das ist einfach scheiße!!

  3. 3 Akatak 23. Juli 2010 um 18:38 Uhr

    Es gibt eine Bundespolizeihochschule? Wo soll die denn sein?

  4. 4 prekba 23. Juli 2010 um 20:00 Uhr

    Die Bundespolizeiakademie in Lübeck (nicht zu verwechseln mit der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster) berief den Vertrauten der Babylon-Geschäftsführung zum Professor. Zuvor promovierte der spätere Lions-Club-Präsident zum Thema „Schadensbegrenzung im Arbeitskampfrecht“ und arbeitete für den BDA.
    Bei der Bundespolizeiakademie belehrte er Studierende aus dem höheren Dienst im Bereich der inneren Sicherheit. „Auf besonderen Wunsch des Bundesinnenministeriums“ erstellte er das Strategiepapier „Polizeiarbeit anlässlich von Tarifauseinandersetzungen“, das sich mit Fragen der Staatsneutralität bei Arbeitskämpfen befasst.

  5. 5 kinofan 25. Juli 2010 um 11:29 Uhr

    (…) So lange, bis der Grossman aufgibt und endlich die Stadt verlässt. Es wird ihm keine/r nachtrauern. Er hinterlässt jedes Mal wieder verbrannte Erde, genauso wie bei seinem Auszug aus dem Balasz.

  6. 6 prekba 26. Juli 2010 um 10:01 Uhr

    Hallo Kinofan, die Aufforderung am Anfang deines Kommentars wollen wir leider nicht veröffentlichen.
    Die FAU Berlin ruft nicht mehr zum Boykott des Babylons auf; ein entsprechender Aufruf ist ihr derzeit zudem verboten. Bei Boykott-Aufrufen, die (wenn auch nur irrtümlich) in Verbindung mit der FAU Berlin gebracht wird droht Ärger durch Klagen von Grossman und Hackel. Auch wenn prekba das Blog von Beschäftigten des Babylons, und kein Blog der FAU ist.

  7. 7 Henning 30. Juli 2010 um 10:19 Uhr

    Das Babylon ist das beste Beispiel dafür, wie ein mit öffentlichen Geldern gefördertes, eigentlich sehr gutes Kino, durch Unfähigkeit in der Leitung/Führung einen schlechten Ruf nicht wieder los wird. Bleibt für die Mitarbeiter zu hoffen, daß sich das Balasz Drama dort nicht wiederholen wird. Vielleicht sollte der Geschäftsführerposten kompetent + neu vergeben werden.

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